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three hulls, two people, one trip around the world…

ARC+ bis zu den Kapverden

Wir haben die erste Etappe geschafft. Die Kapverdischen Inseln sind erreicht! Wir fuhren am Freitag, den 15.11.19 um 15:15:15 UTC über die Finish Line der ARC+.

Wer unseren Tracker verfolgte und sich wunderte, warum wir danach übers Ziel hinausschossen, hier kommt eine Zusammenfassung der Überfahrt:

Am Anfang war der Wind recht stark, in der Düse hinter und neben Gran Canaria bis über 30 Knoten. Die Rally Leitung hatte eine virtuelle Boje angegeben, die man westlich liegen lassen sollte. Da wir keinerlei Regattaerfahrung besitzen, hielten wir das für eine Kann- und nicht eine Soll-Vorschrift. Wir fuhren also zusammen mit einigen anderen nicht um diese Boje. Erst ganz am Ende unserer Fahrt erfuhren wir, dass man als Strafe um einen Platz in der Wertung heruntergestuft wird.

Am ersten Tag mit dem starken Wind waren auch die Wellen bis zu 4 m hoch und ich war deshalb froh, dass ich genügend vorgekocht hatte. Es ist schon netter, bei Seegang einfach Dinge in die Mikrowelle zu stecken, als zu versuchen, sich vor dem Kochfeld auf den Beinen zu halten. In der Mikrowelle rutscht die Schüssel auch etwas herum, aber es funktioniert einigermaßen. Am zweiten Tag beruhigte sich der Wind ein wenig und die Welle wurde länger und auch nicht mehr ganz so hoch. Wir setzten den Parasailor. Das Setzen ging zügig. Das klappt schon recht gut, seitdem Mathias den Part übernommen hat, für den man mehr Kraft benötigt (Hochziehen der Bergeschlauchleine). Bis zum Nachmittag lief alles rund. Als Mathias sich gerade hinlegen wollte, sah ich, dass sich eine Schot des Parasailors gelöst hatte. Da war natürlich nichts mit Ausruhen, jetzt hieß es erstmal Segel bergen. Kurz darauf löste sich auch noch die zweite Schot, flog herum und der Metallschäkel schlug ein kleines Loch in das Unterliek (untere Seite des Segels) des Parasailors. Das Bergen war nicht schwierig. Mathias wollte das Segel verstauen, aber ich entschied, es in den Salon zu nehmen, um zu schauen, ob es sich nicht reparieren lässt. Wir setzen die Fock plus die Genua im Schmetterlingsstiel und ließen das auch über Nacht so. Damit ist man nicht schnell aber sicher und es geht auch voran. Am nächsten Tag machte sich Mathias gleich daran, das Loch im Parasailor mit Tape zu verschließen (in unserer Ersatzteilsammlung ist natürlich auch Spi-Spezial-Tape). Dann stellten wir die Segelnähmaschine mitten ins Wohnzimmer auf den Boden. Da kann sie nicht umfallen und die Schiffsbewegungen sind gering. Ich konnte dann zwar nicht mehr mit dem Fuß das Gaspedal bedienen, aber im Handbetrieb konnte ich die Tapes auf dem Segel gut nachnähen. 

Dieser Absatz kann von Nicht-Seglern übersprungen werden: Die Schoten hatten sich gelöst, weil die Softschäkel, die wir zwischen Ring im Segelhorn und Schotschäkel eingefügt hatten, gerissen waren. Diese hatte uns der Verkäufer der Parasails empfohlen und geliefert. Sie waren für eine Tonne Belastung ausgelegt und kamen uns schon immer etwas dünn vor. Es ist also doch besser, man folgt seinem Bauchgefühl und rüstet auf. Jetzt wird die Verbindung mittels zwei Dyneemaschäkeln hergestellt, die beide mehr als eine Tonne Zuglast haben und verschieden groß sind. Reißt einer, kann der andere übernehmen. Die Stoffschäkel sollen verhindern, dass es zu Metallabrieb kommt, wenn man den Metallschäkel der Schot direkt in den Metallring des Segelhorns einklinkt. Zwar eine gute Idee, aber halt nur mit der nötigen Bruchlastreserve.

Mittags war das Segel wieder einsatzbereit und wurde wieder gesetzt. So aufgerüstet konnten wir den anderen Neel 51 Trimaran langsam wieder einholen. Sie hatten Pech und konnten ihren Parasailor nicht setzen, weil ihnen das Spifall nach oben gerauscht war. Mitten auf dem Ozean bei starkem Wellengang wollten sie niemanden in den Mast schicken und fuhren deshalb nur mit Fock und Genua. 

Wenn man unterwegs ist und Wache schiebt, ist nicht viel zu tun. Deshalb bleibt es nicht aus, dass man die AIS Signale studiert und schaut, wer in der Nähe ist. Man funkt mal die Leute an, die man kennt und hört, wie es so läuft. Und man schaut halt auch, ob man jemanden einholt, ob jemand von hinten angerauscht kommt und was sonst so los ist. Eine Nacht hatte ich das AIS Signal eines Fischerboots auf dem Schirm. Es war weit weg, also nicht weiter aufregend, als es sich plötzlich Gremlin-artig vermehrte. Es poppten direkt über ihm 10 neue AIS Symbole auf, die es mit gleicher Geschwindigkeit hinter sich her zog. Das waren Bojen, die das Fischerboot gerade dann abwarf!  

Am Geburtstag unserer jüngeren Tochter konnten wir ausprobieren, ob die von Mathias in Las Palmas installierte Antenne für das Satellitentelefon gut funktioniert. Wir riefen bei unserer Tochter an und das Signal lief durchs All bis nach Hamburg ;). Es funktioniert.

Die nächste Nacht fuhren wir durchgehend mit Parasailor, obwohl der Wind schon etwas zu doll für das Segel war. Das brachte ordentlich Geschwindigkeit und Strecke. Allerdings ist es nicht ganz ungefährlich, da man das Schiff nicht leicht abstoppen kann und es auch keine Squalls (lokale Regengebiete mit viel Wind) geben darf. 

Während der Nacht hatten 4 Fische auf unserem Schiff Selbstmord begangen. Man soll sie ja gut als Köder für größere Fische benutzen können, aber wir hatten soviel Vorgekochtes, dass wir keinen Fisch hätten verarbeiten können.

Am vorletzten Tag der Überfahrt ließ der Wind deutlich nach. Wir wechselten auf das Parasail, das besser für Leichtwind geeignet ist. Es folgte eine Zeit mit viel Getüddel mit dem Segel, weil es immer mal wieder einfiel und die Windrichtung sich leicht veränderte und man deshalb nachkorrigieren sollte. Gegen Abend, als Mathias Wache begann, sahen wir am Horizont ein Regengebiet. Da war der Wind so gering, dass etwas mehr Wind am Rande des Regengebiets willkommen war. Mit Glück haute es auch genau hin und wir nahmen wieder mehr Fahrt auf. Der Wind flaute nicht mehr wieder ab und wir schafften es im Hellen nach São Vicente. Da wir nun so gut gefahren waren, wollten wir auch erstmal gut über die Ziellinie fahren und dann erst das Parasail runter nehmen. Es soll einen Düseneffekt hinter den Inseln geben. Alle Wettervorhersagen sagten ca. 2 Knoten mehr Wind dort an. Das hätte noch gepasst. Hinter der Ziellinie ging der Wind aber schlagartig auf 19 Knoten hoch und dann immer weiter bis 27 Knoten in der Spitze. Hinzu kam, dass beim Parasail die Einholeleine zu kurz ist, man kann sie nicht über eine Klampe führen, muss also nur mit Muskelkraft ohne Hebel ziehen. Das ist bei so viel Wind nicht leicht bis unmöglich. Wir kämpften also eine Stunde mit dem Segel, bis wir es letztendlich runter hatten. Danach mussten wir unter Motor 2 Stunden lang gegen Wind und Welle gegenan wieder zurück zur Bucht mit der Marina fahren. Deshalb kamen wir dort erst spät an, waren aber immer noch im Hellen am Platz am Steg. Das erwies sich im Rückblick als ungünstig, weil die Schiffe, die im Hellen ankamen auf die schwierigeren Plätze gelegt wurden. Dort gibt es am Bug 2 Bojen und mit dem Heck liegen wir an einem Schwimmsteg, der von einem zentralen Schwimmsteg abgeht. Die Schaukel bzw. Schwingbewegungen sind enorm.

Verglichen mit den anderen Schiffen halten sich unsere Schäden sehr in Grenzen. Neben dem Parasailor (der ja schon wieder repariert ist), ist uns noch eine Klemme kaputt gegangen (haben wir auch als Ersatzteil dabei). Hier im Hafen ist die Gangway einmal gegen den Steg geknallt und hat nun ein verbogenes Geländer. Viel schlimmer war, dass Mathias im Weg stand und einen ordentlichen Stoß gegen das Schienbein bekam. Kühlen und Pressverband verhinderten das Schlimmste. Ich hatte mir gleich hinter der Startlinie beim Anbringen der Bullentaille die Hand geprellt, ist aber mittlerweile gut abgeheilt. Dann gab es noch Beinahe-Brandblasen und echte Brandblasen an den Händen beim Handhaben der Leinen. In Mathias Fall weil seine Segelhandschuhe an Daumen und Zeigefinger keine Kappe haben, in meinem Fall, weil ich vergessen hatte, Handschuhe anzuziehen – passiert mir hoffentlich nur dieses eine Mal. 

Einige der Schwierigkeiten der anderen: Ein Schiff verlor die Fock, sie hatte sich wohl vertüddelt und sie mussten sie losschneiden. Ein Schiff hatte auf dem Vorschiff Dieselkanister vertäut, die sich losrissen und leer liefen. Einem weiteren ist der Spi am Kopf abgerissen. Sie mussten ihn aus dem Wasser bergen. Danach konnten sie nur noch vor dem Wind kreuzen. Sie hatten von ihren Freunden bei der Ankunft viele WhatsApp Anfragen, weshalb sie plötzlich zickzack gefahren waren. 😉 Bei dem Geschaukel der Steganlagen hier sind schon mehrere Kinder ins Wasser gefallen, als sie vom Boot zum Steg übersteigen mussten. Das ist sehr gefährlich. Wir hatten ja erst unsere Gangway im Einsatz, aber die wackelt ebenfalls enorm. Jetzt haben wir die Dämpfer in die Leinen eingesetzt und das Schiff dichter an den Steg gezogen. Dann schaffe auch ich den großen Sprung an Land und zurück an Deck.

Die Kapverdischen Inseln sind vulkanischen Ursprungs, sie erhielten 1975 ihre Unabhängigkeit von Portugal. Die offizielle Sprache hier ist portugiesisch, gesprochen wird Kreol.

Die Marina liegt in Mindelo, einer Stadt auf São Vicente. Die Insel ist extrem trocken. Wasser wird mittels Entsalzungsanlage erzeugt. Die Entsalzungsanlage wird mit Diesel betrieben und somit ist die gesamte Insel von den Öllieferungen abhängig. Wegen der Wasserknappheit kann kaum Gemüse angebaut werden und vieles wird importiert. Heutzutage ist das importierte Gemüse häufig preiswerter als das auf der Insel erzeugte, für das Wasser teuer eingekauft werden muss. Der Ausbau erneuerbarer Energien geht nur langsam voran, da die Anlagen teuer in der Anschaffung sind.

Viele Lebensmittel kommen nach São Vicente und auch auf die anderen Inseln von Santo Antão. Das ist die Nachbarinsel, die eine grüne und eine trockene Seite hat. Die grüne Seite ist die Nordseite. Dort stauen sich die Regenwolken am Gebirge auf und es gibt Wasser. 

Hier wurden Mathias gute Sandalen repariert.

Von der ARC+ wurden zwei Touren organisiert. Eine halbtägliche auf São Vicente und eine Tagestour mit der Fähre nach Santo Antão.

An dem Tag, als wir nach Santo Antão fuhren, regnete es auf der Nordseite der Insel. Es hatte hier seit drei Jahren nicht mehr geregnet, dann eine Woche lang im September und natürlich, wenn wir kommen. Denn als echte Hamburger haben wir immer eine Tüte Schmuddelwetter im Gepäck. 😉 Zwar konnten wir deshalb nicht eine geplante Wanderung im Gebirge unternehmen, aber stattdessen besichtigten wir eine Destille. Mit den Minibussen sollte es auf dem Rückweg über die alte Handelsstraße gehen. Wir wunderten uns erst, warum das möglich ist, wenn die Busse doch auf den rutschigen Straßen nicht ins Gebirge fahren sollten. Dann aber überlegten wir, dass die Straße auf der anderen Seite des Gebirges beim Runterfahren ja trocken sein würde, denn die Wolken und der Regen bleiben ja auf der Nordseite.

Ich fand es prima, dass wir einen Regentag erwischt hatten. Die Atmosphäre war schon besonders und wann fährt man sonst schon mal mit einem Minibus auf einer Kopfsteinpflasterstraße durch die Wolken?

Beim Übergang von der einen zur anderen Seite des Gebirges merkte man den Unterschied deutlich. Nebel und Regen wurden durch Sonnenschein und Trockenheit abgelöst. Auf der Straße kam uns ein Mann mit seinem Esel entgegen. Er hatte zwei Wasserkanister dabei und war auf dem Weg zur feuchten Seite, um sich das Wasser für seinen Garten auf der trockenen Seite zu holen. 

Es war schon beeindruckend zu sehen, welch einen Unterschied es macht, ob es Wasser gibt oder nicht. Eine Inselhälfte kann für den Dreh eines Mondlandefilms herhalten, die andere ähnelt mehr einem Dschungel.

Zur Preisverleihung wurden die ARC+ Teilnehmer von Trommlern und Tänzern abgeholt:

Am 21.11. geht es weiter mit der zweiten Etappe von den Kapverden nach St. Lucia.

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Dieser Beitrag hat einen Kommentar

  1. Super interessanter Bericht!!
    Wie geht es sich nach einigen Tagen auf dem schaukelnden Schiff?
    Ich drücke euch immer zu die Daumen, dass ihr ohne größere Blessuren eure 5 Jahre übersteht – zum Glück waren gehabte Blessuren nicht als zu schlimm!!
    Weiterhin gute Fahrt und immer genug Wind und für den Notfall immer einige tote Fische auf dem Schiff…..

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