SAN

three hulls, two people, one trip around the world…

Zweite Heimat – Panama

Die Woche mit viel Wind Anfang November haben wir gut überstanden. Böen gingen schon mal über 30 Knoten. Mit dem Zweitanker waren wir allerdings gut gesichert.

Mathias verbrachte die meisten Nächte wieder oben auf der Couch. Dort liegt man ruhig, gut belüftet und man kann hören, wenn sich etwas bewegt, komisch anhört, oder eine Böe weht. Während der Fahrt schlafen wir auch häufig dort und es ist der beste Platz für Leute, die leicht seekrank werden, weil dort die Bewegungen am geringsten sind. 

Das Schlimmste an dieser Zeit war, dass die Wellen schon so ungemütlich waren, dass wir das Dinghy nicht benutzen wollten und auch das Boot nicht alleine lassen wollten. Also hatten wir eine erneute Woche persönlichen lock downs. Das zehrt an den Nerven.

An meinem Geburtstag hatte sich das Wetter wieder beruhigt. Ich hatte mir einen Kuchen gebacken und Telefonate mit Deutschland verabredet. Dadurch ist der Geburtstag nicht komplett unter den Teppich gekehrt worden so wie letztes Jahr. Letztes Jahr waren wir in den Vorbereitungsseminaren der ARC+ in Las Palmas und der Sanitäter hatte mit seinen düsteren Ausführungen über die Hoffnungslosigkeit von Heilung mitten auf See mir die Laune für den Tag gründlich verdorben. Seine Einstellung zum Thema war deutlich pessimistischer als das, was wir in Hamburg im Sea Doc Seminar gelernt hatten. Tatsächlich gibt es so Einiges, was man auch auf See probieren kann, bevor der Patient aufgegeben wird. Nun denn, dieses Jahr war der Tag, wie gesagt, netter. Ich bekam viele Glückwünsche per WhatsApp und gegen Abend fuhren wir an Land, um Pizza essen zu gehen. Mathias ließ dabei sein Handy an Bord! Ein tolles Geburtstagsgeschenk! Besonders weil ich mir ein Handy-freies Date vor etlicher Zeit mal gewünscht hatte. Das hatte er sich gemerkt! Ich war entsprechend beeindruckt und habe mich gefreut. 🙂

Die Anker-App hält uns weiter in Trab. Neuestes Projekt ist ein Film für YouTube, in dem die App vorgestellt wird. Da konnte ich fleißig mitarbeiten und mich in Trickfilmsequenzen üben. 😉

Ankerketten-Rechner-Link

Nachdem wir wieder das Dinghy benutzen konnten, konnten wir uns mit dem Agenten treffen und unseren Cruising Permit abholen. Unseren Agenten hatten wir seit mehreren Monaten nicht mehr gesehen. Er hatte die Coronazeit genutzt, eine Diät gemacht und sich mehr bewegt. Schon in Shelter Bay war er ganz begeistert von der Idee, eine eigene Eismach-Maschine zu haben. Jetzt war er noch interessierter daran, um zuckerfreies Eis herzustellen (bzw. Eis, das nur Fruchtzucker enthält). Da wir die Maschine in Panamacity in einem bekannten Elektronikladen gekauft haben, kann er sich leicht ebenfalls eine zulegen. Wir haben uns länger nett unterhalten. Der Agent hat sich selbständig gemacht, nachdem er 14 Jahre lang für eine englische Firma gearbeitet hatte. In der Firma musste er all den Papierkram für große Schiffe, die den Kanal durchqueren organisieren und immer unter Zeitdruck arbeiten, ohne dass sich das auf sein Gehalt auswirkte. Jetzt kommt seine Erfahrung den vielen kleinen Schiffen zugute, er betreut einen wirklich prima. 

Der Cruising Permit gilt nun für ein Jahr. Passend dazu hat die Regierung in Panama auch noch einmal die Aufenthaltsgenehmigungen verlängert. Man darf nun bis Ende Januar im Land bleiben. Das bedeutet, dass wir nach dem Aufenthalt in der Werft noch ein wenig die Gegend hier erkunden können. Wir werden wahrscheinlich dann zu den Las Perlas Inseln segeln und dort die wunderschönen Ankerbuchten genießen, so zumindest ein Plan. Die Las Perlas Inseln bekamen ihren Namen, als dort die spanischen Conquistadores Gaspard de Morales und Francisco Pizarro eine große Menge Perlen vom Eingeborenenkönig Toe gestohlen haben. Auch eine große Perle von Queen Mary Tudor of England kam von diesen Inseln. (Quelle: Eric Bauhaus: “The Panama Cruising Guide”)

Nachdem von Neel nun die Pläne eingetroffen waren, wo unser Boot unterstützt werden muss, wenn es per Sealift herausgeholt wird, mussten wir uns nur noch auf den Weg machen. Mittlerweile sind wir an den mind set hier angepasst, man muss nur aufpassen, dass aus “mañana” nicht “próxima semana” wird. Und wegen Hitze und Corona Langsamkeit arbeiten wir unsere Aufgaben hübsch nacheinander ab. Zunächst stellten wir uns deshalb der Herausforderung, den Zweitanker wieder einzuholen. Klingt nicht aufregend – ist es aber. Der Anker wiegt 24 Kilo und hat 20 m Kette und 70 m Trosse. Das ist schon etwas Gewicht. Er ließ sich nur sehr schwer per Hand heben. Wir stellten fest, dass sich die erste Kette über die zweite gelegt hatte, d.h. hier musste auch noch ein Teil dieses Kettengewichts mit hochgehoben werden. Beim hiesigen Klima macht man solche Arbeiten nur früh morgens oder spät nachmittags. Wir arbeiteten uns also langsam heran. Unter Einsatz des Spifalls und häufigen Umsetzens des Hebepunktes gelang es letztlich, den Anker und die Kette wieder an Bord zu hieven. 

Während der Aktion wollten wir die Hauptkette bis zum Ansatzpunkt des Hahnepots einholen. Wenn man die Ankerwinsch betätigt, sollte der Motor an sein, um die Batterien nicht zu sehr zu belasten. Gesagt – nicht getan. Motorschalter gedrückt – nichts passiert. Puh, neues Problem? Ein Tag mit Ursachensuche brachte keine Antwort, aber Kabelwackeln an allen möglichen Stellen besänftigte das Problem. Der Motor springt wieder manchmal an. Vermutung ist, dass die MDI-Box Macken hat.

Dieser Kat ankerte viel zu dicht neben uns. Da hatten wir Glück, dass sich die Ketten nicht vertüddelten. Auf dem Bild kommt gerade das Kanalkontrollboot an. Der Kat will durch den Panamakanal.

Blieb nur noch, endlich los zu fahren. Freitag, der 13., bescherte das benötigte ruhige Wetter. Wir standen ganz früh auf und machten das Dinghy fertig. Es sollte uns beim Losfahren und Spurhalten unterstützen. Großen Benzinmotor wieder anbringen und los geht es – nein – natürlich nicht. Es bestand die Gefahr, dass der Motor nicht so leicht wieder anspringen würde. Das trat nun ein. Überrascht sind wir bei solchen Dingen schon lange nicht mehr, aber diese erneute Verzögerung ist schon ärgerlich. Jetzt brauchen wir erstmal wieder Hilfe von einem Techniker. Das erinnert mich an eine Folge in “The Big Bang Theory” in der die Nerds mit ihrem Auto liegen bleiben und einer fragt, ob sich jemand mit Verbrennungsmotoren auskennt. Alle antworten: “Klar, einfaches Prinzip, kein Problem”, worauf der Frager seine Frage neu formuliert: “Kennt sich jemand so mit Verbrennungsmotoren aus, das er sie reparieren kann?” – Betretenes Schweigen in der Runde. So ging es mir früher beim Auto fahren auch immer, gefährliches Viertelwissen über die Technik, aber da hatte ich eine persönliche Hotline zu unserem Freund, der eine Autowerkstatt hat. Er hat mir oft mittels Fernanleitung aus der Patsche geholfen, oder ich konnte mein Auto einfach bei ihm abstellen und er nahm es mit in die Werksatt. Tja, gäbe es Corona nicht, wäre er vielleicht gerade zu Besuch. 

So blieb uns nur, an Land zu rudern und zu schauen, ob wir Hilfe finden würden. Für diese Fahrt nahm Mathias drei leere Benzinkanister mit. Da schwante mir schon, worin mein Auftrag bestehen würde. Und tatsächlich, er machte sich auf den Weg zu einer Werkstatt und ich wurde losgeschickt, mich mit dem Taxi auf den Weg zu einer Tankstelle zu machen. Taxis gibt es hier ausreichend, wenn man irgendwo längs läuft, wird man ständig kurz angehupt, was bedeutet, dass ein Taxi seine Dienste anbietet. Als wir die Straße entlang liefen, hielt prompt ein Taxi neben uns an. Der Fahrer begrüßte mich mit “Hallo Birte” und wedelte unsere Visitenkarte. 🙂 Es war derselbe mit dem wir vor kurzem nach Vacamonte zur Werftbesichtigung gefahren waren. Da er hier in der Gegend wohnt, war das nicht ganz unwahrscheinlich, aber trotzdem ein kleiner Glücksfall. Er fuhr mit mir zur nächstgelegenen Tankstelle. Dort wollten sie aber kein Benzin in Kanistern an Taxis verkaufen, angeblich weil das Auto für den Transport zu klein sei. Komisch, der Kunde direkt vor uns hatte gerade ein kleines Auto mit Kanistern voll geladen. Konnte meinen Taxifahrer nicht schocken, wir fuhren zur nächsten Tankstelle und waren mit den vollen Kanistern wieder am Dinghy, bevor Mathias wieder eintrudelte. Ein Techniker für den Motor sollte erst nachmittags kommen, also ruderten wir zunächst zurück. Wie man sich denken kann, klappte es nicht mit dem Nachmittagstermin – próxima semana….

Nach dem ruhigen Wetter am Freitag war das Wochenende noch ok, ab Montag kündigten sich wieder die Randwirkungen eines atlantischen Hurrikans an. Das bedeutet für uns hier Wind, Regen und Welle. Sonntag beschlossen wir, den so mühselig gelichteten Zweitanker wieder auszubringen. Die Windvorhersage war einfach zu ungünstig. Wir brachten den Anker von hinten nach vorne und ließen ihn von Bord aus runter. Die Richtung passte gerade, so dass er wirken kann, wenn wir wieder Richtung Ufer driften.

Trotz des schlechteren Wetters sollte Mathias einen Techniker für den Dinghy Motor in der Marina treffen. Er ruderte hin.

Aber auch der Techniker konnte die Ursache des Fehlers nicht finden. Jetzt soll der Motor abgeholt und in der Werksatt untersucht werden. Das konnte natürlich nicht mehr am selben Tag geschehen.

Mathias richtete sich nach der Wettervorhersage und beschloss, den Rückweg etwas später anzutreten. Es ist nicht einfach bis unmöglich, ein Dinghy gegen Wind und Welle zu rudern. Das Wetter wollte aber nicht besser werden. Gegen Abend wartete Mathias im Dinghy am Marinaeingang auf ein wenig weniger Wind. Es regnete sintflutartig, wie es hier üblich ist. (Das spart das Duschen am Abend.) Als Hilfestellung ließ ich vom Boot aus eine Schwimmleine treiben, die reichte bis fast zum Ufer. Es ging relativ schnell, dass Mathias die Leine erreichte. Daran zog er sich an die SAN heran. Ohne Leine und nur mittels Ruderkraft wäre es nicht gegangen bei all den Bewegungen, genau die Lücke zwischen den Rümpfen der SAN zu treffen. Wir brachten das Dinghy noch an Bord, weil die Wellenbewegungen noch zunehmen sollten. Mit den Abspannseilen zu beiden Seiten, die wir für das Dinghy angebracht haben, ging das Bergen gut vonstatten. 

Ende dieser Woche soll das Wetter wieder besser sein……

So liegen unsere Pläne zunächst wieder auf “próxima semana”. 

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Dieser Beitrag hat 16 Kommentare

  1. Schön von Euch zu hören! Ich mache mir immer Sorgen, wenn ich von den neuen Hurricanes bei Euch höre. Alles, alles Gute
    Werner

    1. Hallo Werner, ja, diese Hurricanes sind etwas eine Belastung… Auch wenn sie auf der anderen Seite sind, im Atlantik. Aber das bedeutet für uns stark auflandigen Wind, und das ohne Motor, das ist alles andere als gut… Wir hoffen zum Wochenende aus dieser Ecke rauszukommen und uns Richtung Werft bewegen zu können… LG Mathias

  2. Eure Berichte sind immer wieder spannend zu lesen. Hoffentlich kommt Ihr bald zur Werft.
    Viele Grüße, Thorsten

    1. Hallo Thorsten, ja, in der Tat, das hoffen wir auch. Bisher ist immer wieder was dazwischen gekommen. Und auch die letzte Meile vor der Werft wird noch einmal spannend werden… VLG, Mathias

  3. Hallo Ihr beiden,
    das Jahr 2020 scheint neben der Pandemie mit ihren Einschränkungen doch einige Steine in Euren Weg zu legen. Macht das Beste d‘raus und genießt die Zwangspause als unausweichliche Auszeit zum Chillen. Eure Tour wird schon weitergehen.
    Liebe Grüße aus Hamburg A&K

    1. Hallo Kai,
      das mit dem chillen kommt vielleicht irgendwann wieder. Zwar haben wir viel Auszeit gerade, aber so richtig genießen kann man das erst, wenn wieder alles in Ordnung ist. Auf jeden Fall sind wir inzwischen sehr viel besser geworden darin, uns in Geduld zu üben.
      LG Birte

  4. Hallo ihr zwei,
    ihr habt euch bestimmt an all die kleinen und großen Schwierigkeiten gewöhnt, es ist wie das Salz in der Suppe. Wünsche euch trotzdem demnächst die Inseln eurer Träume.
    Nass bis auf die Haut erspart wirklich das Duschen!! Über euer Bild musste ich laut lachen, euch wars in dem Moment glaub ich eher nicht zumute.
    Gute Fahrt zur Werft!
    Freue mich auf den nächsten Bericht.
    Liebe Grüße
    Micheline

  5. Hallo Micheline,
    tatsächlich war uns bei den Bildern auch eher zum Lachen zumute. Da war ja alles gut ausgegangen und es ist hier so warm, dass man auch klitschenass nicht friert.
    Ich freue mich auch, wenn ich bald von einem Ortswechsel berichten kann, hoffen wir das Beste für die Reparatur des Außenborders.
    LG Birte

  6. Liebe Birte lieber Mathias,
    es ist unglaublich spannend zu lesen, was Euch alles passiert. Wir hoffen, Ihr könnt alle Unwegbarkeiten aus dem Weg räumen und Euren Ankerplatz verlassen.
    Deinem Finger weiterhin gute Besserung!
    Liebe Grüße aus Vahrendorf
    Sabine

    1. Liebe Sabine,
      ja, wenn man es aufschreibt, klingt es nach viel. Wir haben hier tagelang das Gefühl, es geht einfach nichts voran. Mit all den Dingen, die jetzt zu Verzögerungen führen, fühlen wir uns an die Zeit erinnert, als Lukas als Austauschschüler in Ecuador war und es sich in die Länge zog, bis endlich eine Schule für ihn gefunden war. Damals hatten wir wenig Verständnis für ihn, jetzt erleben wir selbst, wie hier die Mühlen doch langsamer mahlen.
      LG Birte

  7. „Mit dem Zweitanker waren wir gut gesichert“ Was ist denn ein Zwei-Tanker? Ach so, Zweit-Anker..
    Es wird Euch wenigstens nicht langweilig mit den ganzen Pannen. Nicht schlecht die Idee mit der Schwimmleine. Musz man erst mal drauf kommen.
    Viel Erfolg beim Problemlösen.

    1. Die Schwimmleine war in der Tat eine große Hilfe. So ein Dinghy ist nicht so wirklich zum Rudern gemacht, und ich bin auch kein Meister da drin…

      VLG, Mathias

  8. Liebe Birthe,

    herzliche Grüße zum Geburtstag aus old Lüneburg!
    Ich drücke Euch die Daumen für die spannende Fahrt und den Slip,
    Und dazu natürlich gutes Wetter.
    Außenborder:meine ersten Erfahrungen machte ich auf der Ostsee mit einem Yamaha Zweitakter in den frühen 90ern an einem H-Boot, es gab genau zwei Fehlerbilder: 1. Das Schei[piep]ding springt nicht an oder 2. Motor läuft, aber der Abscherbolzen war „durch“ , von 2. hatten wir aus der Werkstatt der FH genug Ersatz dabei. Insofern hat sich nicht soviel geändert von damals zu 2020;-) „Das muß der Fortschritt sein, von dem immer alle sprechen;-)“ (1)
    Handbreit!
    Liebe Grüße Christian
    (1) Das Känguru Manifest, Marc-Uwe Kling

    1. Hallo Christian,

      Ja, Aussenborder ist nicht so mein Spezialthema, muss ich zugeben… Aber immerhin, wir haben gerade eben ein Video zugeschickt bekommen, dass er läuft… Anscheinend ohne Problem und auf Anhieb in der Werkstatt… Und das, obwohl der Mechaniker am Steg alles probiert hatte… Diese Dinger werden also wohl noch eine Weile ein Mysterium für mich bleiben… VLG, Mathias

  9. Es muss heißen: Liebe Birte! Oh Mann…..entschuldige bitte.

  10. Hi Mathias,
    ja – das kommt mir bekannt vor: springt an, aber keiner weiß warum und was eigentlich anders ist…Mysterium trifft es gut – aber klasse, das ist doch schon mal gut!
    Christian

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