SAN

three hulls, two people, one trip around the world…

San Diego – schön wär’s gewesen

Das Ausklarieren aus Mexiko war kein Problem, wir machten es mithilfe der Marina am Donnerstag und fuhren am Freitag dann los. Der Wind frischte schnell auf, kreuzen dauerte, aber wir kamen voran. Wir waren schon etwas aufgeregt, weil wir nicht sicher sein konnten, ob wir nun alle erforderlichen Dokumente hatten. ESTA, Impfnachweise, die Schwierigkeit des French Leasings des Bootes. So wurde der Spruch “we’ll cross that bridge, when we’ll get there” zu unserem Mantra. Die Fahrt dauerte bis in die Nacht. Als ich für meine Wache aufwachte (so 23:30 Uhr) fuhren wir gerade an Tijuana vorbei, man konnte die Lichter der Stadt sehen. Mehrere Tanker und einiges an Fischerbooten tummelte sich ebenfalls in der Gegend. Wir segelten langsam aber sicher auf eine Gruppe von vier Fischerbooten zu, die nur auf dem Radar und an Lichtern erkennbar waren und sich kaum bewegten. Es blieb nichts anderes, als sie mit Motorhilfe zu umfahren. Danach wurde es noch verrückter. Wir segelten einen Kurs hoch am Wind, auf dem AIS tauchten 4 Segelyachten auf, alles große schmale Boote, also wahrscheinlich Rennyachten. Sie würden unseren Kurs kreuzen. Wir hatten Vorfahrt, aber das kann einen nicht in Sicherheit wiegen. Manche Segler kennen die Vorfahrtsregeln nicht, andere wollen sie nicht einhalten und Regattasegler fühlen sich oft im Recht mit eingebauter Vorfahrt. Aber die 4 Yachten schienen uns gesehen zu haben und fuhren um unser Heck herum. Dann  gab es noch eine mit ab und zu AIS (namens Badpak), die wir sonst nur ab und an als Radarspot sehen konnten. Sie fuhr bedenklich nahe an uns heran. Wir schauten nach den Lichtern. Die Yacht hatte nur rote Lichter, aber ein weißes Flash-Licht, das sie auf uns hielt. Was soll das? Sollen wir ausweichen? Wie denn und wohin? Wir waren hoch am Wind, konnten also nur anhalten, oder in Richtung auf das andere Boot hin abfallen. Dazu gibt es ja die Vorfahrtsregeln, damit derjenige, der das einfachere Manöver machen kann, dies tut und ausweicht. Blieb nur Kurs halten und Ausschau halten. Die Yacht fuhr letztendlich ca. 50 m hinter uns vorbei. Später fanden wir heraus, dass die Boote an dem jährlichen Islands Race des San Diego Yacht Clubs teilgenommen hatten.

Hier sieht man die Tracks der Segelschiffe, die an dem Rennen teilgenommen haben und den restlichen Verkehr am 26.. Der gelbe Track sind wir.

Nach dieser Aufregung begann es zu dämmern und wir bereiteten uns zum Einlaufen in den Hafen von San Diego vor. San Diego begrüßte uns in schönstem Sonnenschein mit gutem Wind. Wirklich eine Reise wert.

Durch unsere Nachforschungen im Oktober wussten wir bereits, wo das Dock der Harbor Police ist und dass wir dort hin mussten. Man konnte sich per App schon melden und so kamen, kurz nachdem wir festgemacht hatten, zwei Grenzbeamte zu uns aufs Boot. Als erstes wurden unsere Pässe kontrolliert. Dabei stellte sich heraus, dass wir nicht die richtigen Stempel vorweisen konnten (genauere Erklärung sieh unten). Der zuständige Beamte hatte nun zwei Möglichkeiten: Er konnte uns verhaften, erkennungsdienstlich erfassen und dann ausweisen, oder er konnte uns gleich wieder zurückschicken. Ein Anruf beim Supervisor ergab wohl auch nur, dass uns ein Formular fehlte, was man bei der Einreise per Flieger erhalten konnte und dass er uns festsetzen müsse. Der Grenzbeamte wollte dies aber nicht so handhaben. Er war sehr nett und zog es vor, uns einfach wieder zurück zu schicken. Allerdings stellte er sich vor, wir könnten einfach kurz zurück über die Grenze, in Tijuana das Boot parken, per Taxi an die Grenzstation fahren, einen Stempel in den Pass abholen, wieder zurück nach Mexiko, in unser Boot steigen und wären abends erneut in San Diego und die Einreiseprozedur könnte fortgesetzt werden. Tja, Tijuana hat gar keine Marina, nur ein Gasterminal für Tankschiffe und selbst wenn, müssten wir uns illegal in Mexiko bewegen, wir waren ja dort ausgereist. Der erste Port of Entry für Mexiko ist Ensenada. Kurz, es blieb nur, nach Ensenada zurückzukehren und zu hoffen, dass die Mexikaner uns ohne internationalen Zarpe (Ausreisedokument für das Boot von San Diego) wieder ins Land einreisen lassen würden.

Wir verbrachten also nur etwas über eine Stunde im schönen sonnigen San Diego. Es war kein unfreundlicher Empfang, aber die Regeln waren sehr unfreundlich. Die Rückfahrt nach Ensenada dauerte nur von mittags bis 22 Uhr nachts. Vor dem Wind konnten wir eine gute Weile lang nur mit Genua oder Genua plus Fock mit 6-7 Knoten segeln. Zum Schluss gab es wieder Flaute und Motor. Weil wir sonntags eh nichts ausrichten konnten, gönnten wir uns einen Ruhetag vor Anker. Wir mussten die Ereignisse sacken lassen und schauen, was wir tun wollten. Montag ging es zurück in die Marina in Ensenada und wieder Einklarieren in Mexiko. Dafür kam zunächst eine Health Inspektorin zu uns, dann wieder zum Hafenmeister, Immigration und Zoll. Zu unserer großen Erleichterung klappte das vollkommen problemlos trotz des fehlenden Zarpes.

Hier ein Versuch darzustellen, welche Schwierigkeiten uns beschäftigten:

Vertrackte Bürokratie: Um mit einem privaten Boot in die USA einreisen zu dürfen benötigt man ein B1 Visum (gültig für 10 Jahre und Aufenthalt bis zu 180 Tage am Stück). Ein solches Visum haben wir nicht und es ist zur Zeit sehr schwierig eines zu bekommen. Der Prozess beinhaltet ein Interview an einer amerikanischen Botschaft, vorzugsweise an der Botschaft im eigenen Land (für uns also in Berlin). Diese Interviewtermine wurden während Covid gar nicht mehr vergeben, inzwischen sind sie wieder möglich, aber je nach Botschaft ist die Wartezeit mindestens 300 Tage (und non-residents des Landes werden hinten angestellt). Deshalb suchten wir nach einer Alternative. Für Europäer gibt es das ESTA Programm, also die Möglichkeit so etwas wie ein Visum zu bekommen, ohne zum Interview gehen zu müssen. Man darf dann zwar nur 90 Tage am Stück im Land bleiben statt 180, aber immerhin. Nur mit dem elektronischen ESTA kann man aber nicht über einen Hafen einreisen, es muss aktiviert sein mittels Stempel im Pass. Und hier setzt das Missverständnis an. Der ESTA Antrag ist für 2 Jahre gültig. Wir dachten, als wir im Oktober in die USA geflogen waren, wäre er initialisiert gewesen, alle unsere Fingerabdrücke waren ja nun registriert. In San Diego angekommen erfuhren wir aber nun, dass das ESTA immer nur für 90 Tage aktiviert wird, die ab dem Zeitpunkt des Einfliegens ticken. Der Stempel im Pass erhält ein Anfangs- und ein Enddatum. Zwischen diesen beiden Daten kann man beliebig häufig zu Fuß, mit dem Auto oder per Boot aus den USA aus- oder einreisen. Diese 90 Tage waren nach unserem Oktoberflug bereits abgelaufen. Man kann neue 90 Tage bekommen, aber nur durch einen erneuten internationalen Flug ins Land. Wir müssten also in die USA fliegen, den Stempel bekommen, ausreisen, das Boot holen und wiederkommen. Dann hätten wir neue 90 Tage ab dem neuen Einflugsdatum, also zum eigentlichen Reisen 90 Tage minus der Zeit, die der Aufwand des Boot Nachholens kostet. Soweit , so schlecht. Es gibt keine Direktflüge von Tijuana in die USA (bzw. nach LA, wo wir uns mit Maika hätten treffen können.) Das läuft alles über den kleinen Grenzverkehr mit San Diegos Flughafen. Man müsste also einen ganzen Tag fliegen, über Mexiko City oder Guadalajara – etwas stressig und Zeitverschwendung. Aber das ist noch nicht alles. Es gibt noch eine Klausel beim ESTA, die selbst ein Fliegen in die USA zum Lotteriefall werden lässt. Wenn man die USA innerhalb der 90 Tage ESTA Zeit nach Mexiko oder Kanada verlässt, tickt die Zeit weiter. Der Aufenthalt in Mexiko oder Kanada muss also innerhalb der 90 Tage erfolgen, sonst darf man nicht wieder einreisen. Diese Regelung dient dazu, dass man nicht einfach über die Grenze huscht und dann gleich wiederkommt und damit sein Visum immer wieder verlängert. Nun waren wir ja nicht zwischendurch in  Deutschland. Wie also würde unser Aufenthalt in Mexiko vom Grenzbeamten gewertet werden? Es gibt keine Regelung dafür, in welchem Abstand jeweils 90 Tage genehmigt werden dürfen. In unserem Fall also Ermessenssache des Grenzbeamten, außer wir würden nach Deutschland zurück und dann wieder einfliegen. Alles etwas, auf das wir wenig Lust haben. 

Langer Rede kurzer Sinn: Wir entschlossen uns, in Mexiko zu bleiben. Hier dürfen wir uns nun wieder 180 Tage lang frei bewegen, ganz ohne Visum. Routentechnisch bedeutet das nun Rückreise. Zunächst wieder entlang der Pazifikküste Baja Californias. Eine zweite Chance, bei Abreojos die Wale zu besuchen!

Ensenada:

Es wird also Zeit, wieder Vorräte anzulegen:

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Dieser Beitrag hat 8 Kommentare

  1. Jan

    Hallo Birte und Matthias,
    Oh Mann, das ist ja Mist, aber immerhin wurdet ihr nicht festgenommen. Das Ganze kenne ich auch nur zu gut. Wäre zweimal bereits fast im Knast gelandet und bin nur durch besondere Zuwendungen überhaupt einmal zu Fuß von Kambodscha nach Thailand gekommen (war 2003, Kambodscha bereits ausgecheckt bei Visum für einmalige Einreise und über die Grenze nach Thailand. Meine Tasche samt Pass wurde im Jahr vorher in Thailand gestohlen, habe ihn aber wiederbekommen, aber auf einmal standen an der Grenze zwei Soldaten mit Maschinengewehr hinter mir) oder einmal von Aserbaidschan (ungeplanter Aufenthalt in Baku) per Flieger nach Turkmenistan reingekommen (2006),..
    In China wollten die mich auch einmal 2009 nicht einreisen lassen, weil ich inzwischen einen Bart hatte,.. (Die Anreise Nonstop Casablanca-Paris-Düsseldorf-Dubai-Shanghai hatte 3 Tage gedauert, auch eine lange Geschichte)
    Auf einem Boot hat man immerhin seine Sachen immer dabei, in Shanghai hatte ich am Ende nur noch mein Handgepäck und Ersatzunterwäsche von Air France,.. (Habe dazu auch Geschichten auf meinem Blog geschrieben, den ich bis 2009 gepflegt habe)
    Passt auf Euch auf und sammelt weitere interessante Geschichten!
    Viele Grüße aus Karlsruhe!
    Jan

  2. Mario S.

    Hallo Ihr beiden,
    …und ich dachte immer, wir hier in Deutschland wären die Könige des sklavischen Festhaltens an Verwaltungsvorschriften. Offenbar können andere Staaten in dieser Disziplin auch punkten. Irgendwie schade, dass BeamtInnen sich offenbar nicht fragen dürfen / wollen „welches Problem wollten wir mit dieser Vorschrift nochmal lösen?“ – was natürlich auch bedeuten würde, dass ihre Vorgesetzten / Behörden ihnen vertrauen und einen Ermessensspielraum zuweisen.
    Macht das Beste draus und lasst es Euch gutgehen! Lieben Gruß, Mario.

  3. Werner

    Das ist ja wirklich unglaublicher Mist! Aber es bestätigt was ich schon immer behauptet (und auch erlebt) habe, dass nämlich die amerikanische Bürokratie viel schlimmer und vor allem viel unflexibler als die deutsche ist…
    Halten die Ohren steif!
    Werner

  4. Helmut Meyer

    Hallo Birte @ Mathias,

    man kann Euch nicht trösten, denn eine solch irre Bürokratie verdirbt die größte Lust. Es liest sich so, dass Ihr ernsthaft überlegt, die US- und Kanada-Westküste zu streichen – ist das so?

    Ich an Eurer Stelle – hatte bereits mehrfach die Gegend von Wilmington/Los Angeles/Frisco/Seattle bis Nanaimo/Port Moody/Vancouver genießen können, insofern wäre es zwar schön, nochmals im Detail dieselben oder auch andere Orte aufzusuchen, jedoch nicht zwingend erträumt
    ==>> Würde meine bisher noch rudimentär vorliegenden Pläne für den Süd-Pazifik in den Vordergrund rücken und mich entsprechend weiter schlau machen und dorthin positionieren.
    Wie ist es damit?
    So long@short
    Yours – Helmut

    1. trimaran-san

      Hallo Jan, Mario, Werner, Helmut,

      Ja, das war ein Bummer! Es war uns klar gewesen, dass es Schwierigkeiten geben könnte. Aber wir hatten die Vorschriften missverstanden gehabt und nicht damit gerechnet, dass sie so unsinnig wären, wie es sich nun herausstellt. Der US Beamte war sehr nett, aber letztendlich hatte er uns dazu aufgefordert, die Vorschriften in Mexiko zu ignorieren. Ich denke mal, er kannte die Vorschriften in Mexiko nicht, aber als Grenzbeamter hätte er sich denken können, dass die Mexikaner auch ihre Vorschriften haben und durchsetzen werden. Aber das ist halt ausserhalb der USA und damit nicht relevant / ernst zu nehmen.

      Aber ok, die Welt geht damit nicht unter. Wir werden nicht zu Bittstellern werden, die darum betteln, in die USA einreisen zu dürfen. Es gibt noch viele andere schöne Ecken in der Welt. Welche Ecken das sein werden, wird sich dann zeigen. Nun steht erst einmal der Besuch unserer jüngsten Tochter Maika an! :)^42

      Cheers, Mathias

  5. Christian Wiebus

    Moin Birte und Mathias,
    vielen Dank für den tollen Bericht, hoch lebe die Bürokratie und die Ausnahmen vom „Visa Waiver Program“…..bei servisum.de steht derzeit 2-3 Monate Wartezeit für ein B1/B2 Visum Interview angegeben, Ausstellung soll innerhalb von 2-3 Wochen erfolgen, leider müßt Ihr dann beide nach Ger. fliegen. Die Situation bez. Covid sollte sich ja auch langsam bessern. Bestcase wären das 2,5 Monate und in der Zeit gibt es bestimmt noch viel in Mexiko zu entdecken. Das B2 Touristenvisum lässt sich wohl auch um weitere 180 Tage verlängern via Antrag beim USCIS, somit muss man dann nicht extra ausreisen. Aber umständlich ist das schon alles.

    Ich wünsche Euch alles Gute und weiterhin so viele tolle Erlebnisse!
    Grüße
    Christian

    1. trimaran-san

      Moin Christian,

      Ja, in der Tat, ein B1 Visum wäre das Beste. Wir hatten in Panama vor über einem Jahr einen Antrag gestellt gehabt… Ist immer noch in Bearbeitung… In Deutschland geht das sicherlich schneller, aber es dauert nun einfach zu lange und die Logistik ist nicht trivial in diesen Zeiten. Die Saison für USA/Kanada ist dann aber einfach schon vorbei. Also haben wir nun umgeplant, ohne USA/Kanada.

      VLG, Mathias

  6. Matthias G.

    Hallo Mathias,
    es ist ja sehr bedauerlich zu erfahren, dass man nicht mal auf einer Weltumsegelung vor der Bürokratie sicher ist. Mit Blick auf die politische Situation hier in Europa kann ich euch nur empfehlen noch eine Weile unterwegs zu bleiben. Was bedeutet denn der Einreisestopp in die USA für eure weitere Route? Bleibt ihr erst einmal in Mexiko? Geht es westwärts über den Pazifik in Richtung Polynesien? Oder fahrt ihr durch den Panama-Kanal wieder zurück in Richtung Heimat? Munter bleiben – Matthias

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