SAN

three hulls, two people, one trip around the world…

Chiapas bis Acapulco

Die erste Strecke in Mexiko auf dem Weg nach Norden verlief mit kleinen Hindernissen. Es war gerade ein Schwell-Event. Das bedeutete, dass sich sehr lange und hohe Wellen über den Pazifik aufbauen. Auf See stören sie nicht weiter, außer dass ihre Richtung nicht immer zur Windrichtung passt, aber an Land führen die Wellen zu starker Brandung und dazu, dass die kleinen Buchten nur unruhiges Ankern zulassen. Der erste Abschnitt der Küste war sehr gerade, wir ankerten eine Nacht einfach auf der Strecke (kaum Wind), eine weitere Nacht segelten wir durch. Es galt, die Bucht von Tehuantepec zu überqueren. Das ist die Gegend, in der es zu Windeffekten kommen kann, die bis zu 50 Knoten Wind und ordentlich Wellengang mit sich bringen. Ich berichtete davon, als ich die Papagayo Winde beschrieb. Das Phänomen ebbt um diese Jahreszeit etwas ab und die Winde dauern auch nicht mehr so lange an. Wir hatten ein Wetterfenster abgewartet. Ein Tehuantepec Wind hatte sich gerade verzogen. Allerdings folgt auf diese Winde oft eine Zeit fast kompletter Windstille. Es wäre evtl. besser gewesen, den mit nur bis 16 Knoten angekündigten Restwind des Tehuantepecs auszunutzen. Denn in dieser Jahreszeit übernimmt die Gewitterdichte die Gefährdung für die Seefahrer. So fanden wir uns des öfteren auf der Flucht vor einem Squall, versuchten Gewitterfronten zu vermeiden. Nachts leuchtet der Himmel hell, entweder über dem Land oder weiter draußen auf See. Inzwischen haben wir schon eine Routine entwickelt, die Sicherungen auszuschalten, wenn ein Gewitter zu nahe kommt. Mathias sitzt dann oben auf dem Steuerstand mit den Fingern in den Ohren und wartet auf den Blitzeinschlag.

Durch die geringe Windaktivität konnten wir die Tehuantepec Bucht überqueren und mussten nicht möglichst küstennah bleiben. Die meiste Strecke wurde hoch am Wind zurückgelegt, unser Satellitentrack zeigt, dass wir oft am Kreuzen waren.

Einmal kamen wir zu einer kleinen Bucht, in der schon ein Boot lag, das wir kannten. Da passten wir gerade mit hinein. Das war eine nette kleine Bucht, nur leider ohne Mobilfunkempfang und Mathias sollte just am nächsten Tag ein berufliches Telefonat abhalten. Also fuhren wir weiter. In eine der Buchten fuhren wir mit dem Schwell hinein, der dort 4-5 Meter Höhenunterschied hatte (laut Tiefenmesser). Entsprechend tosend war die Brandung. Wir suchten uns eine Stelle zwischen Felsen, hoffentlich genügend weit von der Brandung entfernt. Beim ersten Mal hielt der Anker nicht. Alles wieder hoch und an anderer Stelle neu versuchen – nach 1,5 Stunden lagen wir endlich so, dass wir uns sicher fühlten. Als es schon dunkel war, kam die Carry On noch in die Bucht, sie hatten uns auf dem AIS gesehen. Sie versuchten an der alten Stelle zu ankern, gaben aber recht schnell dort wieder auf und fuhren lieber wieder raus. Sie übernachteten beigedreht und drifteten die Nacht über. 

Es gab entweder relativ viel Wind oder zu wenig, ein gutes Mittelmaß war selten dabei. Dafür konnten wir oft Tiere beobachten. Schildkröten sieht man hier häufig und auch Delfine schwimmen immer wieder gerne ein Stück weit mit dem Boot, besonders gerne schwimmen sie kurz vor dem Bug oder auch quer am Bug vorbei. Einmal sah ich ein ganzes Feld von Schildkröten durch das wir segelten, ein anderes Mal störten wir zwei beim Geschlechtsverkehr. Sie lassen sich aber nur schwer aus der Ruhe bringen. Manchmal überfuhren wir die Schildkröten fast, bevor sie sich entschlossen, vielleicht mal abzutauchen oder ein Stück wegzuschwimmen.

Fliegende Tiere waren ebenfalls Gast bei uns. Allerdings waren wir wenig begeistert, als ein Wespenschwarm versuchte, sich bei uns ein Nest am Gemüsenetz zu bauen. Sie wurden erst mit “Anti Brumm” aufgescheucht und dann vertrieben.

Etwas Bruch gab es auch. Bei 10-15 Knoten Wind riss sich plötzlich der Traveller der Genuaschot los, bzw. er rutschte hinten von der Schiene, weil der Stopper dort abbrach. Das behoben wir recht schnell wieder, indem wir den Travellerwagen an neu angebrachten Ösen mittels Tau befestigten (gleich auf beiden Seiten). Das Biminizelt hatte auch ein paar Risse abbekommen, die mussten warten bis wir in Acapulco ankamen.

Einmal kam der Wind von hinten und wir beschlossen, mal wieder einen Parasailor heraus zu holen. Die Vorbereitungen des Schotenziehens und das unvertüddelte Hochziehen des Segels dauerten dann allerdings so lange, dass der ungewöhnliche Wind wieder in die normale Richtung gedreht hatte, bevor das Segel einsatzbereit war. Trotzdem eine gute Übung, offensichtlich waren wir da ja etwas eingerostet. Bei diesem Törn waren wir 8 Tage auf See ohne einzukaufen, trotzdem gab es am letzten Tag noch frische Sachen, wir lernen allmählich dazu mit der Lagerung. 

Acapulco

Der nächste längere Aufenthalt war in Acapulco. Ursprünglich wollten wir dort gar nicht anhalten, dann passte es aber von den Meilen nicht anders. Der Ort hat keinen guten Ruf. Es soll gefährliches Pflaster sein. Besonders eine kleine seitliche Bucht solle man nicht anlaufen. Wir fuhren also in die Hauptbucht vor eine Marina, wo es ein Ankerfeld geben sollte. Das Ankerfeld war allerdings voll mit Mooringbojen und man fragte sich, ob es hier bei all den Booten nicht auch noch eine Anzahl von Wracks auf dem Grund gäbe und ob es hier überhaupt möglich sei, zu ankern ohne dass der Anker irgendwo hinterhakte. Eine Stelle sah etwas freier aus. Da wurden wir aber schnell von einem Mann im Panga darauf hingewiesen, dass das die Zufahrt einer Ausflugsfähre sei. Der Mann stellte sich als Vincente vor und bot uns eine seiner Moorings an. Weil er gleich auch die Verbindung zur Panama Posse (lockerer Seglerverbund von Schiffen, die zwischen USA und Panama unterwegs sind) erwähnte, wussten wir, dass man ihm vertrauen konnte und der Preis für die Mooring war auch in Ordnung (300 Pesos, ca. 12 Euro die Nacht). Also gingen wir zum ersten Mal mit unserem Boot an eine Mooring. Das erwies sich als gute Entscheidung, wir konnten am Steg für den Landgang unser Dinghy an einer kleinen Boje befestigen und wurden auch sonst gut betreut. Bevor wir abfuhren kam noch ein Katamaran an, der wegen eines Motorenproblems nicht in die Marina fahren konnte, sie ankerten in unserer Nähe, brauchten aber bei der Abfahrt einen Taucher, weil sich ihr Anker um ein Kabel gewickelt hatte. Klare Empfehlung: Nutze die Moorings in Acapulco. 

Wir wollten nur einkaufen und am nächsten Tag weiter, aber dann kam die Carry On in die Bucht und danach noch zwei deutsche Boote. Letztlich blieben wir 12 Tage dort. Es war nett, mal wieder ein paar soziale Kontakte zu pflegen und zu tun gibt es eh immer genug rund ums Boot. Das Unterwasserschiff war mal wieder fällig, die Biminiplane musste repariert werden, ich machte einen Anfang mit den Bezügen für unsere Sitzkissen. Wir gingen sogar mal an Land, ohne Einkaufen zu gehen. 🙂

Unser Mooringbetreiber, Vincente, versuchte für uns eine unserer Gasflaschen auffüllen zu lassen. Es sind Aluminiumgasflaschen, die man nicht einfach tauscht, sondern normalerweise auffüllen lässt. Leider klappte das nicht, er brachte sie unverrichteter Dinge wieder mit. Der Adaptersatz, den wir dabei haben und der weltweit einsetzbar sein sollte, passte nicht. Wieviele unterschiedliche Systeme kann es dafür denn geben? Noch haben wir eine angebrochene und eine volle Flasche, mal schauen, wann wir die werden laden können.

Dann war da noch die Sache mit den Kliffspringern von Quebrada. Eine Attraktion, die man nicht verpassen sollte. Da springt eine Gruppe von jungen Männern von 30m und von 41m von der Klippe in eine Schlucht, in die auch noch die Brandung reinkommt.  Zunächst hatte ich versucht, eine Tour zu buchen, die einen Besuch bei den Springern beinhaltet. Dafür nutzte ich die Chat-Hilfe, um herauszufinden, ob man auch einen Pick-up von der Marina in unserer Nähe arrangieren konnte. Es dauerte so zwei Stunden bis ich das erklärt hatte und eine Adresse gefunden werden konnte. Trotz des Aufwands scheiterte ich am Ende an der Bezahlfunktion. Bis die deutsche Kreditkartenzahlung über die App bestätigt werden konnte, schmiss mich die Buchungsseite schon immer wieder aus dem Vorgang raus. Zugegeben, ich bin eine langsame Tipperin, aber ich hatte die Pin bereit liegen, die App geöffnet und man sollte auch die Touch ID benutzen können. Die funktionierte natürlich nicht, Daumen zu nass? Ich gab irgendwann total frustriert auf. Dadurch sparten wir eine Menge Geld. Es stellte sich heraus, dass Quebrada ganz in der Nähe ist und auch zu Fuß erreichbar sei (Info von Nachbarboot). Wir machten uns an einem Abend zu dritt auf den Weg. Den Berg hoch fuhren wir mit dem Taxi für 50 Pesos (2€). Der Eintritt zum Showgelände wären 50 Pesos gewesen. Wir beschlossen, in ein zugehöriges  Bar-Restaurant zu gehen für 230 Pesos Eintritt inkl. einem Drink. Da konnten wir schon nett sitzen, bevor die Springer kamen und es gab live-Musik. 

Zur Show kamen gut durchtrainierte Mexikaner in kurzen Badehosen, gingen die Stufen hinunter zur Besucherplattform. Dort kletterten sie auf die Felsen und sprangen in das mit Brandung brodelnde Wasser, um zur anderen Seite zu schwimmen. Sie trugen dabei auch Corona-gerechten Mund-Nasen-Schutz, den sie vor den Absprüngen um ihr Handgelenk wickelten. Auf der anderen Seite der kleinen Bucht mussten die Springer auf die Felsen klettern und an diesen hoch bis zu einer Plattform. Dann begann die eigentliche Show. Erst kletterte einer auf die Felsen und sprang mit Salto und zum Schluss Köpfer hinunter. Das war schon echt aufregend. Man konnte erahnen, welche Konzentration und Überwindung das kostet. Als nächstes sprangen zwei gleichzeitig, einer von denen stand auf einem besonders spitzen Felsvorsprung. Zum Schluss blieb auf der oberen Plattform einer übrig. Er kletterte nicht weiter runter, sondern nur auf die Felsen vor der Plattform ganz oben. Er würde von dort oben springen! Er konzentrierte sich eine ganze Weile und die Spannung baute sich auf. Dann sprang auch er in elegantem Bogen in die kleine Bucht hinunter und landete in der tosenden Brandung dort unten. Diese Springer waren auch richtig gute Schwimmer. Sie mussten vorsichtig über die Felsen auf der Besucherplattformseite wieder hinausklettern. 

Das Restaurant, in dem wir saßen, gehörte zu den Bauwerken aus den 1930er Jahren. In den 1960er wurde Acapulco gerne vom Hollywood Jet Set frequentiert. im Eingangsbereich des Restaurants gab es eine Unterschriftenwand und Pappfiguren von Johnny Weissmüller (Tarzan) und Elizabeth Taylor. Brigitte Bardot hat ihre Flitterwochen mit Gunter Sachs in Acapulco verbracht.

Die Bevölkerung von Acapulco war laut Wikipedia in den 40er Jahren bei 5000, stieg dann in den 1960er auf 50.000 an durch den Hollywood Boom. In den 70er und 80er Jahren kamen diverse Hotelbauten dazu und heute liegt die Bevölkerungszahl bei 650.000 in Acapulco und über eine Million in der Region hinter den Hügeln. In der Gegend, in der wir uns aufhielten, waren die Touristen bzw. die Leute am Strand fast ausschließlich dunkelhäutige Mexikaner. Das war gut, denn laut Internet ist Acapulco eine der gefährlichsten Städte der Welt (Morde pro Bewohnerzahl). Aber die gefährlichen Ecken sind halt nicht dort, wo Familien zum Baden hingehen. Vorsichtshalber gingen wir nur im Hellen und am frühen Abend an Land und fühlten uns dabei schon sicher. Auf jeden Fall war Acapulco besser als sein Ruf. 

VW Käfer

Bis 2003 wurde in Mexiko noch der alte VW Käfer hergestellt. Man sieht ihn häufig im Staßenverkehr. Sie werden sogar als Taxis benutzt.

Ich fühle mich dann in meine Kindheit zurückversetzt. Damals war ein (natürlich) roter VW Käfer unser Familienauto. Gegen Ende seines Autolebens verschifften wir ihn nach Florida (war damals preiswerter als ein Mietwagen) und fuhren damit auf Rundreise. Ohne Klimaanlage und mit 4 Personen plus Gepäck, damals ging so etwas noch 😉 Wenn wir in einem Hotel vorfuhren, schauten die Angestellten skeptisch. Erst kamen aus dem Miniauto 4 Personen heraus und ein paar Gepäckstücke, dann öffnete mein Vater die vordere Klappe und brachte den großen Koffer zum Vorschein. Spätestens jetzt wunderten sich die Leute, wo das kleine Ding denn seinen Motor hat? Am Ende der Reise wurde unser Käfer auf die Bahamas verfrachtet. Dort hatten mein Bruder und ich unsere ersten Fahrstunden auf komplett leeren Straßen in einem sich entwickelten Baugebiet. Man musste nur vorsichtig sein, wenn man durch eine Pfütze fuhr, dabei gab es manchmal eine Dusche von unten, weil der Boden des Autos schon an einigen Stellen durchgerostet war.

Der Supermarkt in Acapulco hatte viel Auswahl 🙂

Während in Deutschland noch diskutiert wird, gibt es in Mexiko schon Warnhinweise „zu viel Kalorien, Zucker und Fette“ auf bestimmten Produkten. Habe deshalb mich nur getraut, eine Packung zu kaufen.

Über Mathias App ist ein Artikel auf Blauwasser.de erschienen:

„Dynamische Einflüsse auf das Ankergeschirr mit einer App berechnen“

Gruß von unterwegs:

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Dieser Beitrag hat 4 Kommentare

  1. Christian

    Hallo Ihr Zwei,
    ein sehr schöner Bericht, vielen Dank! Es ist doch eindeutig Mathias, der da von der Klippe springt 😉
    Es beruhigt mich ja, dass auch Ihr mal den Spi vertüddelt, Tobi kugelt sich heute noch vor Lachen, wenn er daran denkt, wie wir beide den Genaker im letzten Jahr auf dem Weg nach Kopenhagen gezogen haben, 1 hr hat es wohl schon gedauert, bis wir beide ihn in vollendeter Form gesetzt hatten, während Ruth sich an der Pinne gefragt hat, was wir da treiben…
    Ja der Käfer: der von meinem Vater, den er gebraucht vom Zoll gekauft hatte, mußte für drei Kinder, Eltern plus Gepäck herhalten, aber es ging mehr um die Freiheit, mal ans Meer oder in die Berge fahren zu können als um Comfort…

    Also Euch weiterhin eine so schöne und sichere Reise!
    Handbreit!

    Grüße
    Christian

    1. trimaran-san

      Hallo Christian, ja, auf jeden Fall, der Springer war ich! Wo ich doch bei dem Sicherheitstraining in Neustadt schon mich geweigert hatte, aus 4 Metern Höhe mit Rettungsweste in das Becken zu springen!!! Nun liegen wir in der Marina Barra de Navidad und haben ganz viele Festmacherleinen gespannt, da wir den ersten Baby Hurricane hier erwarten am Wochenende. Eine Vorhersage meinte über 60 kn, aber inzwischen ist die Vorhersage bei um die 53 kn…

      VLG, Mathias

  2. Reinhold

    Sehr reicher Reisebericht. Gute Beschreibung der Navigation mit den wechselnden Winden. Ist ein sehr gutes Training. Bin überrascht, dass bei 15kn Wind Halterungen abreiszen.
    Nettes Video, aber hättet Ihr nicht lieber das mit den beiden Schildkröten posten können? Im Zoo liegen die immer nur faul rum…
    Acapulco, davon hatte ich das letzte Mal ca. 1977 gehört, kurz nach der Zeit mit Tarzan und Kleopatra (Elisabeth Taylor). Ihr habt davon ja die Schokoladenseite mitbekommen. Und es muss wirklich gut gewesen sein, denn endlich sieht man Dich, Mathias, auf einem Photo lächeln! Oder ist das photogeshopt?
    Gut zu erfahren, dass deutsches Bier in Acapulco etwa genausoviel kostet wie in Frankreich. Nur mit dem Unterschied, dass man hier dazu in ein Spezialgeschäft (v&b) muss, dort es in einem Supermarkt bekommt.
    Und Eure Bilder von Sonnenauf- und -untergang beweisen, dass die Sonne morgens kleiner ist als abends.

  3. trimaran-san

    Hallo Reinhold,
    die Schildkröten hätten wir gerne gefilmt, aber da wir sie beim Segeln gesehen haben, waren wir doch etwas zu schnell an ihnen vorbei, um reinzulaufen und die Kamera zu holen. Manchmal muss man sich zwischen Erleben und Dokumentieren entscheiden.
    LG Birte

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